„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“ (Jahreslosung 2021)

 

Dieses Jesuswort aus Lukas 6,36 wird uns durch das neue Jahr begleiten.
Im 3. Buch Mose (19,2) heißt es: Ihr sollt heilig sind, denn ich bin heilig, der Herr, euer Gott. Im Matthäusevangelium klingt das so: Ihr sollt vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist (5,48). Lukas sagt statt vollkommen »barmherzig«.

 

Das also ist unser Auftrag: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist! Was heißt das? Als die Corona-Zeit begann, als im letzten Frühjahr das Leben stark eingeschränkt wurde, hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn einen Satz gesagt, den ich nicht vergessen habe: „Wir werden uns viel zu verzeihen haben.“ Er hat Recht. Es gab in den vergangenen Monaten viel zu verzeihen: es kam bei aller klugen Politik zu Fehleinschätzungen, zu Unkenntnis, zu ungeschickten Worten. Sie haben allein damit zu tun, dass wir Menschen immer nur eine begrenzte Sicht haben.

 

Wie schnell werden daraus bittere Vorwürfe, Anklagen, Urteile! Wie schnell halten wir Menschen uns gegenseitig vor, was tatsächlich oder angeblich falsch gelaufen ist. Das hat auch mit Macht zu tun, mit Angst und mit den Wunden, die Menschen einander zufügen – oder die das Leben uns Menschen zufügt.

 

„Wir werden uns viel zu verzeihen haben.“ Das gilt eigentlich immer. Und es ist eine Herausfordernderung. Denn Versagen – wie groß oder klein es sei – ist für die Betroffenen nie eine Bagatelle. Mal eben um Verzeihung bitten – das geht nicht, als könnte Schuld einfach so weggewischt werden. Sondern: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!

 

Das ist die geistliche Aufgabe des neuen Jahres. Geistlich, weil Barmherzigkeit aus dem Herzen Gottes kommt. Es gibt ja auch ein Mitleid von oben herab. Das tut dann doppelt weh, wenn jemand verletzt und beschädigt ist, und ein anderer „schaut ihn mitleidig an“. Das ist demütigend! Genau das tut Gott nicht. Er schaut uns nicht mitleidig an, wenn wir leiden, sondern er kommt an unsere Seite.

 

Er zeigt damit, wie schwer Schuld wiegt. Er macht unser Leiden zu seinem Leiden. Jesus ist Mensch geworden, er hat sich erniedrigt und wurde gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz – bekennen wir mit den ersten Christen. Er hat damit unser Leiden zu seinem Leiden und unsere Schuld zu seiner Schuld gemacht.

 

Das macht Gottes Barmherzigkeit aus. Er berührt unser Herz. Darum ist seine Barmherzigkeit heilend, und nicht demütigend. Wir alle leben davon, dass wir sie annehmen. Und unsere Gemeinschaft lebt davon, dass wir barmherzig füreinander und miteinander da sind. Ich wünsche mir sehr, dass wir damit im neuen Jahr intensive Erfahrungen machen. Wir in Weltersbach, die wir jeden Tag miteinander leben und arbeiten. Wir in unserem Land, mit so vielen so verschiedenen Strömungen. Was für ein Angebot für alle Menschen, dass wir uns von der Barmherzigkeit unseres Vaters im Himmel anstecken lassen – zum Heil, zum Frieden, zur Gerechtigkeit.

 

So gehe Gott vor uns her. Er leuchte uns mit seinem Angesicht, immer wieder, jeden Tag: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist! Weil Gott durch seinen Geist unser Leben gestaltet, macht er unser Miteinander mit anderen Menschen hell.

 

Christoph Becker

 

Aus der Predigt im Silvester-Gottesdienst am 31.Dezember 2020 in der Christuskirche

 

 
818 29. Dez 2009

 

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