Monatsspruch Juni 2016

 

Meine Stärke und mein Lied ist der Herr,

er ist für mich zum Retter geworden.

2. Mose 15,2

 

 

 

 

Was für ein Lied! Es klingt nach Weite und Befreiung, nach Vertrauen und neuer Zuversicht. Es klingt nach einer guten und sehr persönlichen Erfahrung: meine Stärke – mein Lied – Retter für mich. Es ist ein besonderes Lied, kein Lied für alle Tage. Noch nicht.

 

Den Hintergrund des Liedes bildet die Erfahrung eines ganzen Volkes: „Damals sang Mose mit den Israeliten dem Herrn dieses Lied; sie sagten: Ich singe dem Herrn ein Lied, denn er ist hoch und erhaben. Rosse und Wagen warf er ins Meer. Meine Stärke und mein Lied ist der Herr, er ist für mich zum Retter geworden. Er ist mein Gott, ihn will ich preisen; den Gott meines Vaters will ich rühmen.“

 

Rosse und Wagen warf er ins Meer. Ist das eine Situation in der ein Lied angestimmt werden kann? Darf man sich darüber freuen? Was genau wird hier besungen? Hier erklingt kein Siegeslied. Kein lautes Geschrei der Sieger, die sich am Tod der Verlierer erfreuen. Hier singt keine siegreiche Armee starker Männer. Hier singen Familien. Kinder, alte Menschen, Väter, Mütter, Schwestern, Brüder, Großeltern und Enkel. Menschen, die hart gearbeitet haben, die manchmal gerade eben noch überlebt haben und jetzt in diesem Moment ihren Unterdrückern entkommen sind. Hier singen die befreiten Opfer. Ein Chor ehemaliger Sklaven. In den Zwischentönen ihres Liedes klingt noch die Verzweiflung der bitteren Jahre nach, die der Rettung vorausgegangen sind. Leid, Bedrängnis, Angst, Schmerzen, schwere Arbeit, Ungerechtigkeiten – all das klingt noch mit. Aber nun gehört es der Vergangenheit an. Sie sind frei, befreit worden. Jetzt beginnt etwas Neues. Und die ersten Schritte in Freiheit sind noch sehr unsicher.

 

Doch der Gott, der mit starker Hand befreit hat, geht mit. Daher kann jede einzelne Person im Volk singen: Meine Stärke. Die erlebte Befreiung in der Vergangenheit gibt Sicherheit im Hier und Jetzt. Die neu gewonnene Freiheit lässt den Atem weit werden und die Stimme wieder klingen und singen: Mein Lied. Die Erfahrung der Rettung bleibt und wird die Israeliten stärken. Die erlebte Befreiung in der Vergangenheit wird zur Hoffnung auf eine Zukunft in Freiheit und die Gegenwart wird als ein neu geweiteter Raum erlebt. Ein weiter Raum, in dem Gott gegenwärtig ist als bleibender Retter. Das hilft gegen die Angst vor der ungewissen Zukunft: Mein Retter.

 

Der Chor der befreiten Sklaven singt: Meine Stärke, mein Lied, mein Retter. Dieses Lied, in einer besonderen Situation angestimmt, bleibt. Wird immer wieder gesungen. Zur Erinnerung an den Gott, der kompromisslos auf der Seite der Opfer steht. Es ist nicht das Lied der Sieger – es ist das Lied der befreiten Opfer. Es ist das Lied von dem Gott, der befreit hat und befreien wird.

 

Wenn wir es heute singen, klingt auch das Lied von dem Gott mit, der sich selbst zu Opfer gemacht hat, um alle Menschen zu befreien. Klingt das Lied von dem Gott mit, der auch heute noch solidarisch an der Seite der Opfer steht. Das Lied von dem Gott, der befreit hat und befreien wird. Es ist ein persönliches Lied, aber auch ein Lied des Volkes, also durchaus politisch, wenn es um die Befreiung aus ungerechten Strukturen und Verhältnissen geht.

 

Es bleibt ein besonderes Lied, aber jetzt ist es auch ein Lied für alle Tage. Besonders für die engen, angstvollen Tage, denn es erinnert an die Weite. Besonders für die leichten, gelassenen Tage, denn es erinnert daran, dass diese ein Geschenk sind. Besonders für die schwachen Tage, denn es erinnert daran, dass die Stärke nicht aus uns kommt. Besonders für die guten Tage, denn es erinnert an den, dem wir sie verdanken: Meine Stärke – mein Lied – Retter für mich.

 

Andrea Klimt

 

Prof. Dr. Andrea Klimt lehrt Praktische Theologie an der Theologischen Hochschule Elstal

 

 
898 04. Jun 2016

 

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